Nicole hat den Wert der Treue neu entdeckt...

Bei ihrem Konzert in Türkismühle konnte sich die Sängerin der Wertschätzung ihrer Fans versichern -

Klar war die Halle voll besetzt.                 Und dass mehr als "ein bisschen Frieden" gesungen wurde, überraschte auch nicht. Nicht jedem klar war, wie eng Nicole mit ihrer Heimat verbunden ist - und umgekehrt.

- VON HEINO BERNHARDT -

Das zweite Zuhause in Berlin hat man ihr vor einer Woche genommen, als das ZDF die Pforten der "Hitparade" für immer verschloss. Ein trauriger, im Hintergrund vielleicht sogar schäbiger Akt. Am Ende blieb Nicole nur der stille Triumpf, auch bei der letzten Austragung dieses Sangeswettstreites als Siegerin von der Bühne zu gegangen zu sein. Und die in den Statistiken nicht auszulöschende Tatsache, dass die 36-jährige Sängerin aus Neunkirchen/Nahe mit 16 Siegen die ungekrönte Königin der mehr als 32 Jahre in Berlin produzierten Musiksendung ist und bleibt.

Fotos:

Peter Ziegler

"Es trifft mal wieder die, die sich in unserem Lande noch trauen, in ihrer Sprache zu singen", erklärt die Künstlerin über 700 Fans in der vollbesetzten Halle des Türkismühler Schulzentrums ihren Unmut über die Entscheidung der "Mainzelmännchen". Dabei spürt man, dass es ihr gut tut, nach dem frisch erlebten Ungemach und dem Verlust des besagten zweiten Zuhauses einen Auftritt zu haben in der richtigen Heimat. In Nohfelden, wo sie seit Jahresbeginn Ehrenbürgerin ist, wo ihr Konterfei im Hintergrund die Internet-Homepage der Gemeinde ziert. Hier dürfen es nicht nur deutsche Liedtexte sein. Auch deutliche Spuren heimischen Sprachgebrauchs in der Moderation sind angesagt, denn der Tournee-Auftritt ist nicht irgendwozwischen der Ostsee-Insel Usedom und Weil am Rhein,  sondern "in Terggemill". (= Plattdeutsch Türkismühle)

So ein Heimspiel hat Vorteile, bringt einen aber als Künstlerin mit Ehrenbürger-Würde auch in Zugzwang. Schließlich kann man sich landläufig unter solchen Personen nur jemanden vorstellen, der mindestens doppelt so alt und nur halb so laut ist, wie die Mitbürgerin Nicole Seibert, geborene Hohloch. Im Verlauf des Abends bekommen dann die letzten Zweifler eine überzeugende Vorstellung davon, was es heute heißt, über Jahre hinaus eine "Nummer eins" in der Unterhaltungs- branche zu sein: Absolute Professionalität in jeder Sekunde des Auftritts. Da bringt einen auch der unerwartete Publikums-Ansturm mit Plüschtieren und Blumen schon nach dem Auftakt-Titel nicht aus dem Konzept.                                     Im Gegenteil. Sie erinnert sich, dass es da mal ein Mädchen gab mit der weißen Gitarre, dessen Visionen sich nicht erfüllten. Aus dem "bisschen Frieden" des Mädchens Nicole

von 1982 hat die Frau Nicole Jahre später die Erkenntnis gewonnen, dass es zur Rettung der Welt mehr als "ein bisschen Frieden" bedarf. Aus dieser höheren Sphäre zurück auf dem Boden der Tatsachen steht dann die Alltagserfahrung "Zusammen leben ist mehr, als zusammen schlafen gehen." Eine Mischung von Träumen - von denen die Sängerin nie lassen möchte - und erfahrener Wirklichkeit.

"Vision 2000" nennt sie ihr Tourneeprogramm, das in der Realität ein Portrait der Sängerin darstellt, welches in 20 Jahren Karriere gereift ist. Den so arg geschmähten Schlager, der ihr zum Durchbruch verhalf, verleugnet sie nie. Aber da ist auch eine erstaunlich gut agierende Chansonette auf der Bühne, die sich Anleihen nimmt bei der Travestie mit dem Lied über den

"Club bel Etage", in welchem sie sehr offen das "Schicki-Micki-Getue" derer entlarvt, die glauben, ganz oben zu sein in der Gesellschaft. Ganz unten dagegen ist der Privat-Fernsehkonsument, dem   unablässig die ominösen "0190-er-Nummern" per Werbeclip ins Hirn gedudelt werden, damit er in der falschen Hoffnung auf schnellen Sex richtig hereingelegt wird und ordentlich zahlt. In Ausdruck und Darstellung - auch wenn der halterlose Strumpf in Rutschen kam - eine bislang völlig unbekannte aber letztlich gut beherrschte Seite der  "Schlagersängerin". Arbeitet Nicole auf diesem Gebiet konsequent weiter, wird sie sich auch das Musiktheater erschließen und als Autoren ihrer Lieder werden nicht mehr ausschließlich Siegel/Meinunger und Kollegen sondern bald auch Brecht/Weill angegeben werden.

Temperament bricht heraus bei Nicole als "Rockabilly-Lady" bei Titeln wie                              "Und außerdem". Spontanität, wenn sie den Liedtext eines eigenen Songs, den ein Zuschauer wünschte, zunächst einmal vom eilig herbei gebrachten CD-Einleger ablesen muss. "So viele Lieder sind in mir", sang sie zuvor ja auch schon. Wer soll sich da die Texte alle auf Dauer merken können. Zumal wenn es gilt, auf Sonderwünsche zu reagieren und sie "unplugged" auch zu erfüllen. Sehr zur Recht heißt es übrigens auf den Tournee-Plakaten "Nicole live und Band", denn die Musiker, die hier mit im Paket auftreten gehören zu den Besten der Zunft - als Begleiter und Solisten. Den Rest bester Stimmung besorgen ausgeklügelte Lichteffekte, gepaart mit wirkungsvoller Feuerwerkstechnik. Wen wundert es da,  dass die Mitbürger unten im Saal am Ende gleich nach der Mehrzahl rufen und "Zugaben" verlangen. Nicole tupft sich mit einem weißen Handtuch den Schweiß von Stirn und Nacken und tut, wonach gerufen wird. Da trägt auch ein am Ende völlig verheddertes "Ein bisschen Frieden" nur noch mehr zur Steigerung der Stimmung bei.

Wird es danach weitere "Visionen" geben? Na ja, irgendwie kommt einem solch ein Handtuch als Bühnen-Requisit bekannt vor. Es gehört zu Udo Jürgens. Der gewann am Anfang seiner Karriere auch einmal den "Grand Prix de la Chanson" und begeistert sein Publikum nach fast 40 Jahren immer noch.

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