|
Oberlinxweiler (kp). Auf den Spuren ihrer Vorfahren,
die im 19. Jahrhundert nach Südbrasilien auswanderten, wandelten der Oberlinxweiler Ortsvorsteher Jürgen Zimmer sowie Klaus Lauck und Dietbald Krächan aus Hasborn. Sie hatten zwar ein
portugiesisches Wörterbuch im Gepäck, mussten aber darin sehr selten nachschlagen, da in der südbrasilianischen Provinz Rio Grande do Sul noch
vielerorts deutsch gesprochen wird. Die ersten
|
Vor der Preifetura Municipal,
dem Rathaus von Sao Wendelino: Ortsvorsteher Jürgen Zimmer (rechts) mit den drei
St. Wendeler Prefeitos Jair Baumgratz (von 1988-1992, zurzeit Vize.Bürgermeister), Leomar Willrich (seit 1996 bis Jahresende) und Régis Paulo Fritzen (von 1992-1996 und wieder ab 01.
Januar).
Foto: privat
|
|
deutschen Auswanderer siedelten bereits 1824 in Rio Grande do Sul, doch ihre Mundart haben sie bis heute
erhalten: Sie sprechen “Hochwälder Platt”.
Seit rund zehn Jahren versucht der “Deutsch-Brasilianische Freundeskreis Nordsaarland-Rio Grande do Sul” die nach dem Krieg
häufig abgerissenen Kontakte zwischen den Nachfahren der Auswanderer aus dem nördlichen Saarland und ihren Verwandten im St. Wendeler Land wiederherzustellen. Als erster deutscher Einwanderer
ließ sich 1797 Nikolaus Becker aus Mettnich am Rio Grande nieder, ab 1824 folgten dann Ansiedler vor allem aus Ober- und Niederlinxweiler, aus Wolfersweiler, St. Wendel, Theley,
Tholey, Hasborn, Primstal, Wadern, Weiskirchen
und vor allem aus dem Hunsrück. Meist bittere Armut der
deutschen Landbevölkerung ließen in jenen Jahren die Bereitwilligkeit zur Auswanderung entstehen.
Auf ihrem 14-tägigen Besuchsprogramm stand auch eine Stippvisite in Teutonia, der “deutschesten Stadt” in Brasilien. Hier spürte Jürgen Zimmer die “Schwingel-Sippe” auf, entfernte Verwandte des Oberlinxweiler Heimatforschers Heinrich Schwingel.
Dieser hatte Jürgen Zimmer jede Menge Material zur Schwingelschen Familiengeschichte mitgegeben, darunter auch ein Bild der Walkmühle, dem
Stammhaus der weitverzweigten Schwingel-Sippe und ein saarländisches Kochbuch. Werno, Willi und Jorge Schwingel waren zu Tränen gerührt, als sie die Geschenke aus
ihrer Urheimat Oberlinxweiler erhielten. Die Schwingels betreiben in Teutonia eine große Fischzucht mit vier Karpfenteichen, außerdem Geflügel- und Rinderzucht.
Jürgen Zimmer brachte von ihnen drei “Original Schwingel-Orangen” für Heinrich Schwingel mit: “Die liegen bei mir jetzt im Kühlschrank und reifen dort aus”, so der
Oberlinxweiler Heimatforscher. In Teutonia besuchten die drei Ahnenforscher aus dem Kreis St. Wendel auch das Heimatmuseum, in dem man auch die Geschichte
der deutschen Einwanderungen aus dem nördlichen Saarland und aus Westfalen verfolgen kann: “Die einen sprechen Hochwälder-Platt, die anderen lupenreines
Hochdeutsch”, so Zimmer. Teutonia sucht eine Partnergemeinde in Deutschland.
Im Mittelpunkt des Interesses der Reisegruppe aus dem Kreis St. Wendel stand ein
Besuch des Straßenkinderprojektes von Pater Paulo Wendling in Novo Hamburgo, wo sie auch mit Dom Oswino Both, dem Bischof von Novo Hamburgo, zusammentrafen.
Dessen Vorfahren kommen aus Tholey. Seit Jahren kümmert sich der deutschstämmige Priester Paulo Wendling um die Ärmsten der Armen in der 250 000 Einwohner zählenden Stadt nahe der Provinzhauptstadt Porto Alegre. Der
Deutsch-Brasilianische Freundeskreis hat in den vergangenen zehn Jahren unermüdlich Spenden für dieses Projekt gesammelt. Mit dieser Hilfe konnte Pater
Wendling eine Kindertagesstätte für 140 Straßenkinder aus den dortigen Elendsvierteln einrichten. Von Pater Wendling neu gegründet wurde ein
Gesundheitszentrum der Stadt, in dem er auf der Basis von Naturheilverfahren Patienten behandelt. Seine Kräuter-Tinkturen stellt er im Keller selbst her. Bischof
Oswino Both und Pater Wendling wollen ein Ausbildungszentrum für Jugendliche aus den Elendsvierteln verwirklichen.
Rund 2000 Einwohner zählt Sao Vendelino, was auf portugiesisch Sankt Wendel
heißt. Herzlich war der Empfang durch den jetzigen “Prefeito” (Bürgermeister) Leomar Willrich, der im Januar von Regis Paulo Fritzen abgelöst wird. Die St. Wendeler
wohnten bei Atalilio Fritzen, dem Onkel des künftigen Bürgermeisters und genossen dort bei ihrem Aufenthalt beste Gastfreundschaft. Im nächsten Jahr will eine Abordnung von Sao Vendelino nach St. Wendel kommen.
Auf dem Friedhof von Sao Vendelino stehen viele Grabsteine mit deutschen Namen.
Jürgen Zimmer fand das Grab von Johannes Zimmer: “Es könnte gut ein Verwandter von mir sein, zumal es in unseren Familien immer üblich war, einen Vornamen mit “J”
zu wählen.” Vor der Kirche in Sao Vendelino steht eine Statue des heiligen Wendelinus. Hier beheimatet ist auch der bekannte Maler Flavio Scholles, dessen
Vorfahren aus Simmern im Hunsrück stammen. Vor vier Jahren hatte Scholles mit großem Erfolg eine Ausstellung im Kunstzentrum Bosener Mühle durchgeführt und
wird seither von der Galerie “artengo” von Herbert Ludwig in Theley vertreten.
Klaus Lauck geht davon aus, dass sich aus der Reise neue Impulse für die Arbeit des
Deutsch-Brasilianischen Freundeskreises ergeben werden. Höhepunkt der nächsten Reise im Oktober 2001 wird das alle zwei Jahre stattfindende “Kerbfeschd” in der
Wendelswoche in Sao Vendelino sein. “Wendelskirmes in Südbrasilien” - dieses Erlebnis vergisst man nicht so schnell, weiß Lauck schon aus eigener Erfahrung. Für
das “Kerbfeschd 2001” wird von der Gemeindeverwaltung Sao Vendelino bereits jetzt eine deutsche Musikband gesucht, die im Oktober nächsten Jahres das “Kerbfeschd”
musikalisch gestaltet. Hierfür wird ein Honorar gezahlt, das durch weitere Honorarauftritte in der Region die Reisekosten in etwa ausgleichen soll. Wer Interesse
an einem unvergesslichen Auftritt in Südbrasilien hat, möge sich wenden an: Deutsch-Brasilianischer Freundeskreis Nordsaarland-Rio Grande do Sul, 1.
Vorsitzender Klaus Lauck, Trierer Straße 20, 66636 Tholey, (0 68 51) 80 15 21 oder (01 77) 8 03 38 18.
|