St. Wendelin8

Hirt lockte Schafe in Scharen...

Nichts an Anziehungs- kraft verloren...             Der heilige Wendelin, dessen Gebeine 13 Tage in St. Wen- del gezeigt wurden, hat nichts von seiner Anzie- hungskraft verloren. Über 70.000 Pilger  wurden bei der Wallfahrt gezählt.     Foto: A T B

Nach einer überragenden Festwoche, die nach Polizeiangaben mehr als 70 000 Pilger angezogen hat, zeichnet sich ab, dass die 1000 Jahre alte Wallfahrtstradition in St. Wendel in Zukunft neu belebt wird.

St. Wendel (ck). Die Reliquien des heiligen Wendelin sind wieder verhüllt, die Fahnen werden eingerollt, die Scheinwerfer rund um die Basilika abmontiert: Die diesjährige Wallfahrtswoche ist zu Ende. In einem Gottesdienst hat der Generalvikar des Bistums Trier, Werner Rössel, am gestrigen Mittwoch den Sarkophag mit den Gebeinen verschlossen. Ob es nun wieder 40 Jahre dauert, bis sich die Lade erneut öffnet, steht nicht fest.  Doch das hervorragende Echo, das die Festwoche im Saarland und darüber hinaus ausgelöst hat, lässt die Verantwortlichen von Pfarrei und Stadtverwaltung schon jetzt Pläne schmieden.

“Wir sollten gemeinsam überlegen, wie wir die jahrhundertealte Wallfahrtstradition in den nächsten Jahren wieder stärker beleben können”, regte Bürgermeister Klaus Bouillon bereits vor dem offiziellen Abschluss an. In den vergangenen Jahren sei diese Tradition zum Teil verlorengegangen.

“Die großartigen Ereignisse in diesem Jahr haben unseren Stadtpatron wieder dorthin gerückt, wo er hingehört: in den Mittelpunkt.” Die Zivilgemeinde habe von den Wallfahrern profitiert, St. Wendel sei “wieder ein Stück bekannter geworden”. Im Mittelpunkt aber stehe der geistliche Gehalt: Viele Menschen, die schon lange Zeit keinen Bezug mehr zur Kirche haben, seien gekommen. “Mir hat ein Besucher gesagt, er erlebe die Wallfahrt wie eine Märchenstunde für Erwachsene.” Angesichts des tiefen Gehalts, den Märchen bieten, wertete der Bürgermeister diese Aussage positiv. “Die Stadt bietet der Pfarrei auch für zukünftige Veranstaltungen ihre Hilfe an.” Pastor Anton Franziskus, der erst nach dem Entschluss des Pfarrgemeinderats, im Jahr 2000 die Reliquien des Stadtpatrons ausstellen nach St. Wendel gekommen war, äußerte sich zurückhaltend zur Frage künftiger Wallfahrten: “Ich glaube nicht, dass wir die Reliquien im nächsten oder übernächsten Jahr wieder ausstellen.” Die Wallfahrtstradition, die seit rund 1000 Jahren in St. Wendel historisch belegt ist, sei ja nie ganz abgerissen. “Die vergangenen Tagen haben mir sehr viel Mut gemacht. Ich stelle mir vor, dass wir uns zusätzliche Elemente, wie zum Beispiel Vorträge und Konzerte für diese Tagen überlegen.”

Der katholische Pfarrer von St. Wendel räumte ein, er sei auf diese enorme Resonanz nicht gefasst gewesen. Nach Schätzungen der Pfarrei haben in den vergangenen zwei Wochen mehr als 53 000 Pilger die Basilika und den Sarkophag besucht. Nachdem im Vorfeld der Wallfahrt bundesweit über 4000 Pfarreien eingeladen worden waren, sich aber nur rund 70 Busse angemeldet hatten, war die Pfarrei von deutlich weniger Besuchern ausgegangen. Höchstes Lob richtete Franziskus an Bouillons Adresse: “Ihre Hilfe war ausschlaggebend, dass auch der äußere Rahmen gestimmt hat und war mitentscheidend für den Erfolg der Festwoche. Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass Bürgermeister und städtische Mitarbeiter uns so tatkräftig unterstützen würden.”

Der Leiter der St. Wendeler Polizeiinspektion, Gerhard Meiser, äußerte sich überrascht, dass die Schätzungen der Polizei zur Zahl der Pilger mit rund 73 000 deutlich über denen der Pfarrei liegen. “Das habe ich in meiner ganzen Laufbahn noch nicht erlebt, dass ein Veranstalter eine geringere Besucherzahl nennt als wir.” Der Beamte zeigte sich überzeugt, dass “unsere Zahlen realistisch sind”. Wie Rudi Schmidt, Kontaktbeamter der Polizei in St. Wendel und Ansprechpartner für die Wallfahrer, erläuterte, wurden täglich zu drei verschiedenen Uhrzeiten je eine Viertelstunde lang die Pilger in der Kirche gezählt. Diese Zählungen wurden auf den ganzen Tag hoch- und dann für die ganze Wallfahrt zusammengerechnet.

Wie Meiser berichtete, sei der Andrang zu bestimmten Gottesdiensten so groß gewesen, “dass wir die Kirche aus Sicherheitsgründen eigentlich hätten schließen müssen”. Die Kirche, die rund 350 Sitzplätze hat, sei mit deutlich über 1000 Besuchern mehrmals völlig überfüllt gewesen. Nach dem Gottesdienst am Wendelstag, an dem wegen des Andrangs nicht alle Pilger in die Kirche gelangt waren, seien mit der Pfarrei Sicherheitsmaßnahmen verabredet worden. Im Bereich der Eingänge und aus den Seitenschiffen wurden die Bänke entfernt. Außerdem sorgten Ordner dafür, dass sich die Kirche “strukturiert füllte”, um den Durchgang für den Notfall freizuhalten, berichtete der Polizei-Chef. Zu Zwischenfällen sei es während der gesamten 13-tägigen Wallfahrt jedoch weder in- noch außerhalb der Kirche gekommen, resümierte die Polizei.

Quelle: Saarbrücker Zeitung 02. November 2000

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