“Eine Wallfahrt, das ist Beten mit Leib und Seele”                 Woche der Zeitung: “SZ”-Redaktionsgespräch mit Pastor Anton Franziskus und Pfarrsekretär Hans-Werner Luther über Wendelin, die Pilgerwocheund die Verehrung der Reliquien

Seit tausend Jahren pilgern Gläubige zum Grab des Heiligen Wendelin. Warum? Pastor Anton Franziskus und sein Küster Hans-Werner Luther geben Antworten.                       Auch für die heutige Zeit.

  • Von VOLKER FUCHS -

St. Wendel. “Die Gläubigen können den Herrgott nicht an der Hand fassen. Aber unsere Sinne verlangen dies. Deshalb sind wir immer auf der Suche nach ihm.” Mit diesen Worten beschreibt der St. Wendeler Pastor Anton Franziskus die Situation der Christen. Nämlich Glauben, ohne Gottes Existenz beweisen zu können. Da hatte es der ungläubige Thomas doch besser. Ihm zeigte sich Jesus noch. Uns aber nicht. Zumindest nicht direkt. Denn Gott ist für Franziskus und seinen Küster und Pfarrsekretär Hans-Werner Luther durchaus spürbar. “Wenn man nachts

Pilgerstätte         Die Wendelinus-Basilika im Herzen der Stadt St. Wendel zieht im Oktober zahlreiche Pilger an. In der Basilika werden die Gebeine des Heiligen Wendelin verehrt, die während der Wallfahrtswoche ausgestellt werden         Foto: A T B

zum Beispiel über die zahllosen Sterne am Himmel staunt. Wenn man sieht, wie die Pflanzen im Herbst ihren Samen ausstreuen, dann begegnet man Gottes Schöpfung. In der Schöpfung verbirgt er sich.”

Zu spüren ist Gottes Werk für den Seelsorger auch bei den Menschen. “Denn auch bei den Menschen begegnet uns so viel Güte, ist längst nicht alles schlecht.” Und so schlägt er den Bogen zum Heiligen Wendelin. Dieser hatte als schottischer Mönch einen weiten Pilgerweg hinter sich, als er in unserer Region angekommen war. Er konnte als Hirte gut mit Tieren umgehen, hatte sie also als Geschöpfe Gottes erkannt. Er muss auch gut mit Menschen umgegangen sein, denn viele haben bei ihm Rat gesucht.  “Wer solche Augen, Ohren und ein solches Herz hat, der ist ständig auf der Suche”, sagt Pastor Franziskus. Für die Pilger soll der Heilige ein Vorbild sein. Deshalb lautet das Motto der Wallfahrtswoche “Gott suchen wie Sankt Wendelin”. Aber ist die Geschichte von dem Einsiedler, Schafhirten und Missionar aus dem 6. Jahrhundert nach Christus nicht nur eine Legende. “Gelebt hat Wendelin sicher”, sagt der Priester. Ob die Geschichten um seine Person stimmen,

   Hans-Werner Luther

könne aber niemand mehr sagen. Für Franziskus spielt das aber keine herausragende Rolle:

“Jede Legende hat einen wahren Kern. Wendelin muss die Menschen mit seinem Leben beeindruckt haben, sonst hätten sich die Legenden um seine Person nicht gebildet.” Ähnlich verhalte es sich mit Sankt Martin und Sankt Nikolaus, deren Namenstage wir jedes Jahr feiern.

Nun werden während der Wallfahrtswoche auch die Gebeine des Heiligen in einem Glassarg ausgestellt. Dabei ist es sogar recht unwahrscheinlich, dass es sich um das tatsächliche Skelett des Heiligen handelt. Ist das nicht Aberglaube? Der Priester: “Sobald

Anton Franziskus

ich einem Menschen oder Gegenständen göttliche Kraft zuschreibe, ist das Aberglaube. Sehe ich diesen aber als Sprachrohr Gottes, ist dies kein Aberglaube.” Franziskus verdeutlicht es: “Wir erwarten kein Heil von den Resten des Leibes. Wir erwarten Heil von Gott?” Warum aber wird dann das Skelett überhaupt ausgestellt? Dazu der Priester: “Weil wir mit allen Sinnen leben. Wir brauchen Symbole. Das Kreuz, Heiligenstatuen und Bilder. Das sind Zeichen, die den Glauben sinnhaft machen. Eines dieser Zeichen ist auch das Grab. Nämlich das Zeichen der Hoffnung und Auferstehung. Und das zeigen wir, das Grab des St. Wendelin nämlich.” Das Grab sei ein altes Symbol. Schon die frühen Christen hätten die Gräber ihrer Märtyrer verehrt.  Mit der Wallfahrtswoche vom 20. Oktober bis 1. November setzt die Pfarrgemeinde St. Wendelin altes religiöses Brauchtum fort. Etwa um das Jahr 1050 pilgerten die Menschen wohl erstmals zum Heiligen Wendelin. Um 1328 gab es schon eine feste Wallfahrtstradition. Denn sonst hätte der Trierer Erzbischof Balduin kein Interesse an St. Wendel gehabt. Wendelin heißt zwar Sankt Wendelin, ist aber nie offiziell von der Amtskirche heilig gesprochen worden. Kein Wunder für Pastor Anton Franziskus: “Denn bis zum Jahr 1000 ist niemand heilig gesprochen worden.” Der erste Heilige der katholischen Kirche war Ulrich von Augsburg im Jahr 1003, ergänzt Hans-Werner Luther.  Heilige sind für die katholischen Christen Fürsprecher der Menschen bei Gott, sie sind in seiner Nähe. Nur durch diesen Glauben lasse sich die Wallfahrt erklären. St. Wendelin ist der Schutzpatron der Bauern und des Viehs. Kein Wunder, lebten doch bis vor wenigen Jahrzehnten alle Menschen im Kreis zumindest teilweise von der eigenen Scholle. In jüngster Zeit wird dem Heiligen eine neue Aufgabe zugewiesen, als Schutzpatron der Umwelt. So wird es auch während der Wendelswallfahrt am Tag der Bauern, Mittwoch, 25. Oktober, zu einer Versöhnungsfeier zwischen Landwirtschaft und Ökologie kommen. Was aber erwarten die Gläubigen von der Wallfahrt. Hans-Werner Luther: “Wir erwarten Impulse für das persönliche Glaubensleben.

Wallfahrt ist Beten mit Leib und Seele.”       Franziskus ergänzt:

“Die Pilger kommen an einen Ort, an dem viele den Glauben haben und merken, ich bin nicht allein. So wird Kirche erfahrbar.” Dabei ist der Priester ein wenig stolz auf das, was man schon jetzt bewegt hat: “Es ist erstaunlich, allein wie viele Jugendliche den Pilgerweg gehen wollen.”
                                           

Quelle:Saarbrücker Zeitung 28.09.2000                                          

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