Polizeiinspektion Türkismühle

Für Jörg Weber ging ein Traum in Erfüllung...

Der geistig Behinderte durfte einen ganzen Tag lang die Arbeit der Polizisten auf der Inspektion Türkismühle beobachten - Und das sogar in Uniform

Der 27-jährige Jörg Weber hatte eine großen Wunsch.  Einmal einen ganzen Tag lang Polizist sein. Dieser Wunsch des geistig Behinderten ging in Erfüllung. Er war in der Inspektion Türkismühle im Einsatz.

Auf Streife Zum Besuch in der Polizei- inspektion Türkismühle zählte für Jörg Weber natürlich auch eine Fahrt in einem Streifenwagen. Polizist Gerhard Bier begleitete den jungen Mann, de geistig behindert ist bei seinem Aufenthalt in der Inspektion. natürlich wurde der 27-Jährige auch wie ein richtiger Polizeibeamter eingekleidet. Bier und Weber kennen sich über den FC Freisen. Dort spielt Bier bei den Freizeit-Kickern, deren “Teamchef” Weber ist. Foto.: A T B

Türkismühle (be). “Teeleefoon” schallte es immer mal wieder mit lauter Stimme durch die Räume im Erdgeschoss der Polizeiinspektion Türkismühle. An diesem Tag konnte wirklich kein in der Zentrale eingehender Anruf überhört werden. Vor dem Schaltpult in der Zentrale saß ein junger Mann in Polizeiuni-

form und registrierte ganz beglückt jeden Signalton, den die elektronische Apparatur von sich gab, um sie sogleich weiter zu melden. Um ihn herum waren stets andere unifomierte Polizisten, um die Anrufe entgegen zu nehmen. Für sie auf der Mittagschicht in der Polizeiinspektion ein ganz normaler Dienst-Tag mit ganz normalen Abläufen. Für Jörg Weber aber, den jungen Mann mit dem wachen Gehör für das Telefon der Inspektion, ein Tag wie kein anderer zuvor. Der bald 27-Jährige aus Freisen ist nämlich von Geburt an behindert, mit dem Down-Syndrom (Mongolismus) zur Welt gekommen. Geboren in eine für ihn kleine Welt, denn bedingt durch einen genetischen Fehler in seiner Erbmasse wird er geistig niemals über das Stadium eines Kleinkindes hinaus kommen können. Umso wichtiger ist es für ihn und alle anderen von dieser Krankheit Betroffenen, dass man ihnen auch Chancen eröffnet, neue Erfahrungen in ihrem Lebensumfeld zu machen.

Eine solche Chance bot sich für Jörg Weber jetzt durch den Polizisten Gerhard Bier, der ebenfalls in Freisen wohnt, und in Türkismühle Dienst tut. Der hatte dem junge Behinderten versprochen, dafür zu sorgen, dass er auch einmal für einen Tag Polizist sein dürfe. Bevor es dann soweit war und Weber zum “Informationstag bei der Polizei” die Inspektion betreten konnte, mussten noch allerlei Formalitäten geklärt werden. Diese ganze Kleinarbeit erledigte Bier, der auch dafür sorgte, dass der “Kollege für einen Tag” vor seinem Dienstantritt in Türkismühle erst in der Saarbrücker Bekleidungskammer der Polizei eine passende Uniform erhielt. Dabei genoss der frisch eingekleidete “Polizist” Weber schon einmal die erste längere Fahrt im Streifenwagen. Schließlich gehört ja auch sie zum Dienst, über den es an diesem besonderen Tag viel zu erfahren galt.

Der Behinderte und der Polizist kennen sich über den FC Freisen. Bier spielt dort als Freizeit-Kicker in der AH-Mannschaft. Die wiederum hat vor einiger Zeit Jörg Weber zu ihrem “Teamchef” ernannt und ihm damit eine Schlüsselposition verliehen. Er verstand und versteht es nämlich wie kein Zweiter die Hobby-Kicker vom Spielfeldrand aus anzutreiben. Außerdem hat er ein waches Auge auf die Einhaltung der Spielregeln in der “Dritten Halbzeit”, beim geselligen Zusammensein nach dem Spiel. Ganz gleich, ob die Begegnung hinterher gewonnen oder verloren wird, legt Jörg Weber vor dem Anpfiff kategorisch fest, welcher Spieler für die Beschaffung der fälligen Kiste Bier zuständig ist und die auch bestellen muss. Dabei darf die obligatorische Flasche Limonade für ihn selbst natürlich nicht fehlen. Seine einmal getroffene Entscheidung gilt dann als unumstößlich und wird auch in aller Konsequenz durchgesetzt, denn: “Wer bestellt, bezahlt.” Während einer solchen “Dritten Halbzeit” versprach Gerhard Bier dem “Teamchef”, dass er ihn auch einmal als “Polizist” während des Dienstes begleiten dürfe. Was für Weber nun wiederum soviel galt, wie seine Entscheidung über den Getränke-Spender.

“Was man versprochen hat, muss man auch halten”, meinte in dieser Woche nun der echte Polizist. Dabei bestieg er gerade den Streifenwagen, um für seinen Schützling eine Bratwurst von der Imbissbude zu beschaffen. Schließlich gilt Webers zweite Leidenschaft neben dem Fußballspiel den Bratwürsten aus der Region. Da fährt er schon mal mit seinem Betreuer Dieter mit der Bahn bis Saarbrücken oder gar nach Sobernheim, um die dortigen Bratwürste einem persönlichen Geschmackstest zu unterziehen. Und für die Polizeiinspektion hatte Bier ihm vorausgesagt, dass es dort Würste und Limo gebe, die mindestens genauso schmackhaft seien, wie die, die er bisher kannte. Auch hier wurde der fröhliche “Eintags-Polizist” nicht enttäuscht. Versprochen ist eben versprochen.

Quelle: Saarbrücker Zeitung, 21.12.2000

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