Jüdischer Friedhof, Sötern

Graue Schatten erinnern an die Vergangenheit...

Der jüdische Friedhof in Sötern im Kreis St. Wendel ist der älteste seiner Art im Saarland                     - Gemeinde verwaltet heute die Überreste jüdischen Lebens.                                                                                          Bereits seit 1650 existiert der jüdische Friedhof in Nohfelden-Sötern.

Bild der Verlassenheit... Die Grabsteine auf dem jahrhundertealten jüdischen Friedhof auf der Anhöhe zwischen Sötern und Bosen sind inzwischen verwittert. Ihre Inschriften tragen vielfach hebräische Schriftzeichen und Abkürzungen wie “PN” (po nitman) oder “PT” (po tamun, zu deutsch “hier ruht/ist begraben...”       Foto: ERNDT 

Nohfelden (jam). Dass es irgendwo in der Nähe einen jüdischen Friedhof gibt, bemerken viele erst, wenn er geschändet wurde. Dabei bestehen diese Zeugnisse jüdischen Lebens in unserer Region zum Teil schon seit Jahrhunderten. Der mit 350 Jahren älteste jüdische Friedhof im Saarland ist der in Sötern im Kreis St. Wendel. Die Begräbnisstätte liegt, wie für jüdische Friedhöfe üblich, außerhalb des Ortes. Auf der Anhöhe zwischen Sötern und Bosen weht der Wind an diesem Januarnachmittag Nieselregen und die Geräusche der nahen Autobahn herüber; sonst stört nichts die fast meditative Ruhe. Der Friedhof selber bietet dem Auge zunächst nur wenige Anreize für einen zweiten Blick. Das vom Eingang her ansteigende Gelände ist eingefasst von einer Bruchstein-Mauer, die langsam vor sich hin bröckelt. Fast ängstlich drängeln sich viele graue und einige schwarze Grabsteine in der oberen Hälfte. Die untere bleibt leer, sieht man vom struppigen Gras, einer Bierdose und ein paar Birken ab. Die Grabsteine selbst sind inzwischen längst verwittert und nicht nur an der Wetterseite grün. Je näher man der rückwärtigen Mauer kommt, hinter der sich der älteste Teil des Friedhofes unter Gestrüpp und Bäumen versteckt, desto schwerer sind die Inschriften zu entziffern, die vom jüdischen Leben in Bosen und Sötern zeugen. Die letzte belegte Beerdigung liegt über

50 Jahre zurück, die meisten entzifferbaren Todesdaten 60 bis 70 Jahre. Hier schauen keine Nachfahren mehr nach dem Rechten, das Gelände wird von der Gemeinde Nohfelden verwaltet. “Es heißt nicht sterben, lebt man in den Herzen der Menschen fort, die man verlassen hat”, ist auf dem Grabstein von Isaak Sender, gestorben am 8. März 1920, zu lesen. Er hat die Seinen noch mit dieser Gewissheit im Herzen verlassen können. Diese aber sind heute, wenn sie der Schoah (die neuhebräische Bezeichnung für die Judenvernichtung im 20. Jahrhundert) entkommen sind, in alle Winde zerstreut. Möglich, dass sich in Amerika oder Israel noch eine Familie an Isaak Sender erinnert, dessen sterbliche Überreste seit 80 Jahren im fernen Saarland ruhen. Im Nohfeldener Telefonbuch jedoch sucht man diesen Namen wie die meisten anderen Familiennamen auf den Grabsteinen vergebens. An einigen Steinen hat nicht nur der Zahn der Zeit genagt.  Helle Linien aus Fliesenkleber markieren die Grabsteine, die nach der Schändung des Friedhofes im Oktober ‚98 von der Gemeinde Nohfelden wieder zusammengeflickt werden mussten. Die Täter hat man nie gefunden, Gemeindeverwaltung und Polizei glaubten nicht an ein fremdenfeindliches Motiv, sondern einen geschmacklosen Streich alkoholisierter Jugendlicher. Fast wie Hohn klingt da das Warnschild am rot gestrichenen Eingangstor: “Betreten des Friedhofes auf eigene Gefahr. Grabsteine können umstürzen.”

Dass Juden so emotional auf die Schändung ihrer Friedhöfe reagieren, hat nicht nur mit der deutschen Vergangenheit zu tun. Nach den Geboten der Halacha, der Sammlung von religiösen Ge- und Verboten des Judentums, gehört jedem Toten der Boden auf ewig, in dem er begraben ist. Die Ehre der Toten, die wehrlos sind, ist ein religiös-ethisches Gebot. Die Gräber sind also nicht wie auf christlichen Friedhöfen für 25 bis 30 Jahre vermietet, sondern auf ewig verkauft, eine Wohnung bis zum Ende der Tage. Neubelegungen sind nur dann vorgesehen, wenn der Tote in ein Familiengrab umgebettet wird, oder seine sterblichen Überreste nach “Eretz Israel”, ins Heilige Land, gebracht werden sollen. Die letzte belegte Beisetzung auf dem Stückchen Land datiert bis ins Jahr 1941 zurück. Mit ihr endete eine Geschichte, die laut dem Ausstellungsprospekt “Jüdische Friedhöfe im Saarland” bereits 1650 begonnen hatte. In diesem Jahr wurde der Friedhof auf einem römischen Gräberfeld eingerichtet und diente in der Folgezeit Juden in Bosen und Sötern als letzte Ruhestätte. Die Größe der Gemeinden stieg und fiel im Lauf der Jahrzehnte und Jahrhunderte, in Sötern lebten zeitweise 230 Juden. Dem Rassenwahn fielen dann im 20. Jahrhundert nicht nur die Söterner Synagoge und die Bosener Synagogen-Einrichtung zum Opfer, auch 25 Bürger jüdischen Glaubens aus beiden Gemeinden verloren gewaltsam ihr Leben.

Augenfälliger Beweis für die Verknüpfung zwischen jüdischem und christlichen Dorfleben sind die Grabsteine. Sie unterscheiden sich grundsätzlich nur wenig von denen der Christen in jener Zeit. Kaum verwunderlich, schließlich wurden beide von den gleichen Steinmetzen gestaltet. Die Erinnerung wird weiterleben, solange es Juden gibt. Die Überreste jüdischen Lebens in Bosen hingegen sind schon heute nur noch ein grauer Schatten auf einem windigen Hügel, der Staubkorn für Staubkorn verweht.

ERINNERUNG   HALTEN...

Für den Erhalt insbesondere der 16 jüdischen Friedhöfe im Saarland setzt sich seit drei Jahren der “Freundeskreis zur Rettung jüdischen Kulturgutes im Saarland e.V.” ein. Der Verein wurde von der Synagogengemeinde Saar, der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft und dem staatlichen Konservatoramt mit dem Ziel gegründet, Mittel für die textliche und bildliche Dokumentation der vom Verfall bedrohten Kulturgüter zu besorgen. Damit sollen wenigstens die Reste saarländisch-jüdischer Vergangenheit vor dem Vergessen bewahrt werden. Ein erster Teil der Fotoarbeiten auf den Friedhöfen in Alt-Saarbrücken, Homburg, Blieskastel und Sötern ist bereits abgeschlossen, für weitere Aktionen fehlt noch das Geld. Die Ergebnisse der bisherigen Arbeit werden derzeit im Landeskonservatoramt zu einer Wanderausstellung zusammengestellt, die ab dem Frühjahr 2001 von Kommunen, Vereinen und Kirchengemeinden abgerufen werden kann. Wer dem Freundeskreis beitreten, ihn finanziell unterstützen oder sich über die Ausstellung informieren will, kann sich an den Vorsitzenden Hartmut Brandt, Illinger Straße 29, 66571 Eppelborn-Dirmingen, wenden.

Quelle: Saarbrücker Zeitung 08. Januar 2001

Synagogen-Gemeinde Saar