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50 Jahre zurück, die meisten entzifferbaren Todesdaten 60 bis 70 Jahre. Hier schauen keine Nachfahren mehr nach dem Rechten, das Gelände wird
von der Gemeinde Nohfelden verwaltet. “Es heißt nicht sterben, lebt man in den Herzen der Menschen fort, die man verlassen hat”, ist auf dem Grabstein von Isaak Sender, gestorben am 8. März 1920, zu lesen. Er hat die Seinen noch mit dieser Gewissheit im Herzen verlassen können. Diese aber sind heute, wenn sie der Schoah (die neuhebräische Bezeichnung für die Judenvernichtung im 20. Jahrhundert) entkommen sind, in alle Winde zerstreut. Möglich, dass sich in Amerika oder Israel noch eine Familie an Isaak Sender erinnert, dessen sterbliche Überreste seit 80 Jahren im fernen
Saarland ruhen. Im Nohfeldener Telefonbuch jedoch sucht
man diesen Namen wie die meisten anderen Familiennamen auf den Grabsteinen vergebens. An einigen Steinen hat nicht nur der Zahn der Zeit genagt. Helle Linien aus Fliesenkleber markieren die Grabsteine, die
nach der Schändung des Friedhofes im Oktober ‚98 von der Gemeinde Nohfelden wieder zusammengeflickt werden mussten. Die Täter hat man nie gefunden, Gemeindeverwaltung und Polizei glaubten nicht an ein
fremdenfeindliches Motiv, sondern einen geschmacklosen Streich alkoholisierter Jugendlicher. Fast wie Hohn klingt da das Warnschild am rot gestrichenen Eingangstor: “Betreten des Friedhofes auf eigene Gefahr.
Grabsteine können umstürzen.”
Dass Juden so emotional auf die Schändung ihrer Friedhöfe reagieren, hat nicht nur mit der deutschen Vergangenheit zu tun. Nach den Geboten der Halacha, der Sammlung von religiösen Ge- und Verboten des Judentums, gehört jedem Toten der Boden auf ewig, in dem er begraben ist. Die Ehre
der Toten, die wehrlos sind, ist ein religiös-ethisches Gebot.
Die Gräber sind also nicht wie auf christlichen Friedhöfen für 25 bis 30 Jahre vermietet, sondern auf ewig verkauft, eine Wohnung bis zum Ende der Tage. Neubelegungen sind nur dann vorgesehen, wenn der Tote in ein Familiengrab umgebettet wird, oder seine sterblichen Überreste nach “Eretz Israel”, ins Heilige Land, gebracht werden sollen. Die letzte belegte Beisetzung auf dem Stückchen Land datiert bis ins Jahr 1941 zurück. Mit ihr endete eine Geschichte, die laut dem Ausstellungsprospekt “Jüdische Friedhöfe im Saarland” bereits 1650 begonnen hatte. In diesem Jahr wurde der Friedhof auf einem römischen Gräberfeld eingerichtet und diente in der Folgezeit Juden in Bosen und Sötern als letzte Ruhestätte. Die Größe der Gemeinden stieg und fiel im Lauf der Jahrzehnte und Jahrhunderte, in Sötern lebten zeitweise 230 Juden. Dem Rassenwahn fielen dann im 20. Jahrhundert nicht nur die Söterner Synagoge und die Bosener Synagogen-Einrichtung zum Opfer, auch 25 Bürger jüdischen Glaubens aus beiden Gemeinden verloren gewaltsam ihr Leben.
Augenfälliger Beweis für die Verknüpfung zwischen jüdischem und christlichen Dorfleben sind die Grabsteine.
Sie unterscheiden sich grundsätzlich nur wenig von denen der Christen in jener Zeit. Kaum verwunderlich, schließlich wurden beide von den gleichen Steinmetzen gestaltet. Die Erinnerung wird weiterleben, solange es Juden gibt. Die Überreste jüdischen Lebens in Bosen hingegen sind schon heute nur noch ein grauer Schatten auf einem windigen Hügel, der Staubkorn für Staubkorn verweht.
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