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Die Weihnachtskrippe
Eine Geschichte zum Fest
Als Kind ging ich in eine Dorfschule, in der Mädel und Buben gemeinsam auf den schmalen Holzbänken
saßen und sich mühten,klüger zu werden. Wir Mädchen hatten es schwer genug, uns gegen die Püffe und Hohnreden der Buben zu wehren. Der Schlimmste in unserer Klasse war Hans. Gab der Lehrer nicht acht,
so warf er den nassen Tafelschwamm knapp neben ihm andie Wand, daß es klatschte, und starrte gleich darauf lammfromm in sein Heft. Hatten wir Musikstunde, um ein Lied zu üben, quietschte ganz bestimmt
plötzlich eins von den Mädchen in den höchsten Tönen, weil Hans es am Zopf riß. Ob es ein Maikäfer oder Regenwürmer waren, er ärgerte uns oft. Wurde er vom Lehrer bei seinen Streichen erwischt, so
versohlte er ihn mit seinem Rohrstock. Ich, dazu ein sanftes Mädchen, betrachtete ihn immer mit einer Mischung aus Entsetzen und geheimer Bewunderung. Ein guter Schüler war er nicht. Aber im Rechnen
war er flink wie keiner, und zeichnen konnte er meisterhaft.
Nur Rechtschreiben zermürbte sein Gemüt. Bei Diktaten wurden wir immer getrennt. Ein Mädchen zu
einem Jungen, so war unser Lehrer sicher, es wurde nicht abgeschrieben. Ich saß neben Hans, es war einige Wochen vor Weihnachten. Was ich da im Heft sah, tat mir weh: Gießkanne ohne scharfes "ß",
Suppenteller mit weichem "d". Zuletzt tanzten mir seine Buchstaben vor den Augen. Wie gesagt, Weihnachten war nahe und mein Gemüht voller Hilfsbereitschaft. "Gießkanne mit scharfen ß", murmelte
ich vor mich hin. Hans warf einen prüfenden Blick in sein Heft und knurrte mich an: "Du lügst". "Ich lüge
nicht." Er kämpfte mit sich, verbesserte aber die Fehler. Das Diktat von Hans war in Ordnung, aber ich bekam weder Dank noch Anerkennung. Auf dem Heimweg stellte mir ein Junge ein Bein, und Hans
bearbeitete ihn wortlos mit seinen Fäusten.
Zwei Tage später murmelte er in der Pause, er wollte mir etwas zeigen, aber es müsse geheim bleiben. Ich
überlegte eine Weile, gab mir einen Ruck, und ich ging mit zu seinem Elternhaus. Wir stiegen über eine schmale Leiter auf den Dachboden. Es war dunkel und unheimlich. Ich wollte umkehren. "Oh diese
Weiber". Hans holte zwei Kerzenstummel und Streichhölzer aus der
Hosentasche und machte Licht. "Da schau!" Auf einem alten Tisch standen Ochs und Esel, Hirten, Könige,
Engel, Bäume, Maria und Josef und eine halbverfallener Stall. "Ich habe sie unter altem Gerümpel gefunden und nach und nach geklebt und neu bemalt." Er hatte noch eine Brücke und ein Mühlrad
gebastelt. Ich konnte nur "ah" und "oh" sagen vor Bewunderung. Er verdonnerte mich , es keiner Menschenseele zu sagen. In der nächsten Woche fragte der Lehrer, wer eine Weihnachtskrippe zu Hause
hätte. Die schönste Krippe wollte er in der
Schule aufstellen, damit sich alle freuen könnten. Hans sagte nichts. Nur in der Rechenstunde, was er
sonst gut konnte, versagte er und alle lachten ihn aus. Dem Lehrer riß die Geduld und er sagte recht unwirsch, der Hans ist der größte Trottel in der Klasse. Da packte mich der Zorn, ich sprang hoch und
sagte: "Der Hans hat die allerschönste Krippe im Dorf." Es wollte mir keiner glauben. Der Lehrer und die ganze Klasse gingen sofort zu Hans nach Hause. Ich heulte hinterher, ich hatte Angst, ich bekäme von
Hans noch Ohrfeigen. Auf dem Dachboden legte der Lehrer die Hand auf die Schulter von Hans und war ganz begeistert. Die Krippe wurde als die schönste im Dorf befunden und kam in die Schule. Er war kein
Trottel mehr und mich beschützte er vor Knuffen, aber ein Geheimnis hat er mir nicht mehr anvertraut.
Heidi Pamp
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